Die Afrodeutsche Vera Heyer (geb. 1949, verstorben 1995) hat in den 70er Jahren begonnen, in ihrer Freizeit Bücher von Schwarzen Autor_innen zu sammeln. Sie hatte den Wunsch, dass ihr Erbe nach ihrem Tod 1995 in Form einer Bücherei öffentlich zugänglich gemacht wird. Diese Vision wird nun von einem ehrenamtlichen Team umgesetzt – die Bücher werden erfasst, katalogisiert, aufgearbeitet, gruppiert und dadurch zugänglich gemacht. Zu besonderen Anlässe organisieren wir Lesungen und bieten bspw. Seminare zu „Empowerment durch die Literatur Schwarzer Menschen“ an. Die Büchersammlung wird
kontinuierlich durch Spenden erweitert. Dadurch entsteht ein lebendiger Ort, der zum Treff- und Ausgangspunkt unserer Aktivitäten geworden ist.

 

„Helf mir doch mal handfest beim Denken! Ich brauche auch junge, intellektuelle Anregungen.“

VerabildVera Heyer, in einem Kinderheim bei Frankfurt aufgewachsen und ausgestattet mit einem schwachen Herz, unterstützte in den 90-Jahren durch ihre Recherchen und ihr umfangreiches Archiv tatkräftig Schwarze deutsche Intellektuelle beim Denken und Erstellen ihrer Agumentationen und Texte.  Denn Vera war – neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit als Angestellte im öffentlichen Dienst beim Arbeitsamt – in ihrem Privatleben eine fleißige, zuverlässige und gründliche Bibliothekarin ihrer Zeit und verwaltete in ihrer Wohnung in Mainz eine umfangreiche Sammlung von Büchern, Filmen und Zeitungsartikeln zur Schwarzen Geschichte. Bücher waren für Vera Stolz und Trost zugleich, denn für sie, die keine familiäre Bindung zu ihren Eltern hatte, waren sie der Zugang zu ihrer Herkunft.

Wer die Ausgaben der frühen afro look Magazine, der ehemaligen Zeitschrift von Schwarzen Deutschen, studiert, findet darin den Namen von Vera Heyer, Mitglied der ISD Frankfurt, als Zuständige für das afro look Archiv. In der 1. Ausgabe, die 1988 erschien, schrieb Vera ein Statement gegen rassistische Fremdbezeichnungen für Schwarze Menschen und fragte „Bin ich die Einzige, die sich beim Gebrauch dieser Wörter schwertut oder mich sogar beleidigt fühle?“

Es passierte selten, dass Vera in der Öffentlichkeit die Stimme erhob, und wenn sie schrieb, waren es meist Briefe und Reflektionen, die sie an Freunde richtete, oder Literaturlisten, in denen sie den Inhalt des Archivs akribisch festhielt und strukturierte, um seine effektive Nutzung zu ermöglichen.
Vera wirkte hinter den Kulissen und sprach nicht viel über das, was sie tat. ZeitgenossInnen beschreiben sie als pragmatische, bodenständige und zuverlässige Persönlichkeit, die Dinge, die ihr am Herzen lagen, ernst nahm und sich manchmal auch über ihre Kräfte dafür ins Zeug legte, ungeachtet gesundheitlicher Risiken. Denn Vera war schon vor ihrem vierzigsten Geburtstag eine künstliche Herzklappe implantiert worden.

Im medizinischen Umfeld führte Vera letztlich den härtesten Kampf, den sie trotz hoher Ausdauer verlor. In einer Herz-Operation war ihr eine eine fehlerhafte künstliche Herzklappe eingesetzt worden, und Vera stand vor der Entscheidung, ob sie sie in sich behalten sollte, bis sie zu funktionieren aufhörte, oder sich den Risiken einer weiteren schweren Herzoperation und somit auch den Ärzten erneut ausliefern sollte, um es auswechseln zu lassen. Die Ärzte, die sie zuvor medizinisch beraten hatten, entzogen ihr jedoch jegliche Unterstützung, als sie versuchte, ihre medizinische Leidensgeschichte aufzudecken und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Sie konnte in ihrem kritischen Gesundheitszustand noch nicht einmal einen Vorruhestand erwirken. Der Schwarze deutsche Aktivismus kam für Vera zu spät. In den 90er Jahren war ihr Körper nicht mehr in der Lage, mitzuhalten. Sie starb 1995 mit 48 Jahren in Mainz.

In Berlin hat der Verein Each One Teach One (EOTO) e.V. Veras Vision der Schwarzen Literatur- und Medienbibliothek nun umgesetzt.

Nachruf auf Vera

Vera_Todesanzeige

Der Nachruf auf Vera Heyers Tod erschien in der afrolook Nr. 17, 1995, der Zeitschrift von Schwarzen Menschen in Deutschland. Die erste Ausgabe des Magazins wurde im Mai 1988 in Berlin publiziert, die letzte Ausgabe Nr. 21 im Sommer 1996. Vera Heyer erstellte Beiträge für die afrolook und unterstützte die redaktionelle Arbeit der Zeitschrift.

Das Each One Teach One (EOTO) e.V. Archiv verfügt über alle Ausgaben des afrolook Magazins.