2026-09-21 13:00:00

What's Up With...Burkina Faso: Ein Interview mit Hamado Dipama

Wir beobachten mit Spannung die Entwicklungen in Burkina Faso unter Ibrahim Traorés Regierung.
Hier könnt ihr ein paar Einblicke zur Situation erhalten. In einem Interview mit Hamado Dipama gibt er uns detaillierte Einblicke, fernab von einseitiger Berichterstattung.

What's Up WITH....BURKINA Faso
Ein Interview Mit Hamado DIPAMA

Im September 2022 wurde Ibrahim Traoré durch einen Militärputsch der Übergangspräsident von Burkina Faso. Seine Ästhetik erinnert an den sozialistischen Revolutionär Thomas Sankaras, dem ersten Präsidenten Burkina Fasos.

Mit 34 Jahren wurde Traoré so zum jüngsten Staatsoberhaupt. Seine Machtübernahme schlug medienwirksam und international Wellen, doch gespaltene Meinungen zwischen einem dekolonialen Befreiungskämpfer und einem autoritären Militärregime ergeben ein ambiges Bild über Traoré.

Vor Traorés Coup war Paul-Henri Sandaogo Damiba ebenfalls durch einen Militärputsch an der Macht, der mit dem Putsch die demokratisch gewählte Regierung unter Roch Marc Christian Kaboré ersetzte. Damiba sowie große Teile der Bevölkerung hatten der Regierung vorgeworfen, im Kampf gegen bewaffnete Milizen kläglich gescheitert zu sein. Im Norden Burkina Fasos sowie in den Nachbarstaaten Mali und Niger sind islamistische Milizen verbreitet. Die Übergangsregierung Damibas sollte zu demokratischen Wahlen führen, doch Ibrahim Traoré kam dem zuvor.

Ursprünglich sollte auch Traorés Übergangsregierung nur bis Juli 2024 bestehen und in Wahlen münden. Doch im Mai 2024 wurden die Wahlen verschoben, mit der Begründung, dass noch zu große Sicherheitsbedenken bestünden. Damit wurde die Übergangsperiode um weitere 5 Jahre verlängert und neue Regelungen eingeführt, die Traoré nach Ende der 5-jährigen Periode erlauben, bei den Wahlen wieder zu kandidieren.

Unter Traoré wurde der Rückzug französischer Truppen aus dem Land veranlasst, sowie das Austreten Burkina Fasos aus ECOWAS, einem wirtschaftlichen und politischen Bündnis westafrikanischer Länder. Dessen Legitimität wird schon lange in Frage gestellt und mit dem Vorwurf kritisiert, das Bündnis hielte die Mitgliedstaaten in Abhängigkeitsverhältnissen, die zum Beispiel durch den Erhalt der französischen Währung CFA neo-kolonialen Charakter annehmen. Mali und Niger folgten dem Austritt Burkina Fasos. Jene Beschlüsse und der Ausbau der Landes-Infrastruktur durch Traoré stärken sein Bild als anti-kolonialen, pan-afrikanischen Helden.

Auf der anderen Seite stehen Meinungen, die die repressiven Maßnahmen unter Traorés Regierung besorgt anmerken. Oppositionsgruppen und Aktivist*innen sollen wenig bis keinen Raum haben, Kritik an der Regierung zu äußern. Der ehemals beliebteste Radiosender, Radio Oméga, wurde eingestellt, nachdem ein Interview über den Coup übertragen wurde. Die Aktivitäten der Studierendenorganisation Union Générale des Etudiants Burkinabè (UGEB), welche seit den 1960ern aktiv in sozialen Bewegungen involviert ist, wurden eingeschränkt und Mitglieder und Vorsitzende im Mai 2026 verhaftet. Im April diesen Jahres verkündete Traoré: “forget about democracy” (Aljazeera 2026).

Die divergierenden Meinungen und Berichterstattungen ergeben ein uneindeutiges Bild. Daher haben wir den Aktivisten Hamado Dipama zu seiner Einschätzung befragt.

Hamado Dipama ist Aktivist, Antirassismus- und Antidiskriminierungsberater sowie engagierter Panafrikanist und Sankarist. Aufgewachsen in Burkina Faso, lebt und engagiert er sich seit vielen Jahren in Deutschland für die Rechte von Geflüchteten und Migrant*innen sowie für eine rassismuskritische und gerechtere Gesellschaft.

Als Gründer des Arbeitskreises Panafrikanismus München e. V. und langjähriger Aktivist setzt er sich für panafrikanische Perspektiven, antikoloniale Bildungsarbeit und die Sichtbarkeit Schwarzer Geschichte und Gegenwart ein. Darüber hinaus engagiert er sich in verschiedenen politischen und zivilgesellschaftlichen Gremien und war bzw. ist unter anderem im Migrationsbeirat der Stadt München, im Bayerischen Flüchtlingsrat und im Bayerischen Rundfunk aktiv. In seiner Arbeit verbindet Hamado Dipama politische Organisierung mit Bildungs- und Beratungsarbeit. Er beschäftigt sich insbesondere mit institutionellem und strukturellem Rassismus, Antidiskriminierung, Migration, Kolonialismus und postkolonialen Kontinuitäten.

1. Was sind die positiven Aspekte des Wirkens von Ibrahim Traoré?

H: Die positiven Aspekte sind aus meiner Sicht unzählige. Burkina Faso ist ein Vorreiter des revolutionären Umbruchs in den Sahelstaaten. Dabei lassen sich aus meiner Sicht insbesondere folgende Aspekte hervorheben:

- Revolutionärer Umbruch und Dekolonisierung des Denkens

Burkina Faso hat als einziges Land offen zu einer „Révolution Progressive Populaire“ aufgerufen, in Anlehnung an Thomas Sankaras „Révolution démocratique et populaire“. Und es ist tatsächlich – wie ich selbst dort beobachten konnte – eine Revolution auf allen Ebenen der Gesellschaft. Dazu gehört insbesondere der Ansatz, unsere Mentalität zu entkolonialisieren und unsere eigenen Kulturen, die durch den Kolonialismus fast vernichtet worden sind, wieder in den Vordergrund zu stellen. Es ist zugleich eine klare Kampfansage an die Korruption. Die Entwicklung eines Landes kann nicht funktionieren, wenn Korruption auf allen Ebenen an der Tagesordnung ist, wie es früher der Fall war.

- Eigene Bodenschätze & natürlichen Ressourcen zum Wohle der Bevölkerung nutzen

Der zweite wichtige Punkt sind die gegenwärtigen Anstrengungen, die Bodenschätze und natürlichen Ressourcen des Landes stärker zum Wohle des eigenen Volkes zu nutzen.

Wir haben in Burkina Faso viel Gold. Trotzdem hatten wir vor der Machtübernahme von Ibrahim Traoré keine nationalen Goldreserven. Nun, haben wie es, und inzwischen haben wir auch eine eigene Goldraffinerie – was natürlich revolutionär ist.

Zudem ist gesetzlich klar festgeschrieben: Kein Gramm Gold verlässt Burkina Faso ohne staatliche Kontrolle.

- Aufbau von Fabriken und Industrien vor allem im ländlichen Raum

Es entstehen außerdem viele Fabriken. Sie werden nicht wie früher ausschließlich in den großen Städten wie Ouagadougou und Bobo-Dioulasso angesiedelt, wie es in vielen afrikanischen Ländern der Fall ist. Das ist auch deshalb wichtig, weil junge Menschen in ländlichen Räumen, die dort keine Perspektive haben, zur Migration in die großen Städte gezwungen sind. Irgendwann haben sie aber auch dort keine Perspektive mehr. Was bleibt ihnen dann noch übrig? Die gefährliche Route nach Europa. Dadurch sind das Mittelmeer und die Wüste zu den größten Friedhöfen der Welt geworden. Die jetzigen Regierungen versuchen, dieses Problem zu lösen, indem sie Industrien im ländlichen Raum entstehen lassen.

Wenn in einer Region beispielsweise viele Tomaten angebaut werden, entsteht dort eine Fabrik für Tomatenpaste. Wenn Baumwolle angebaut wird, entsteht eine Fabrik für Textilfabrik. Oder Zement wird dort hergestellt, wo die geografischen Gegebenheiten und die Verfügbarkeit der Rohstoffe günstig sind.

- Eigene Finanzierung und industrielle Selbstständigkeit

Letzte Woche wurde die Fabrik „Texforces BF – Textilfabrik“ eingeweiht. Sie wurde durch eigene Finanzierung und ohne Auslandskredit mit einem Investitionsvolumen von 17 Milliarden CFA-Francs – etwa 26 Millionen Euro – aufgebaut. Auch wurde sie ohne ausländische „Experten“ aufgebaut. Allein diese Fabrik soll 20.000 direkte und 60.000 indirekte Arbeitsplätze schaffen.

- Justizreform und Resozialisierung

Ein weiterer Aspekt ist die Justizreform.

Unter anderem sollen verurteilte Menschen nicht mehr nur im Gefängnis sitzen und versorgt werden, sondern durch Resozialisierungsprogramme wieder zu Akteuren der Gesellschaft werden, indem sie etwas Produktives für die Allgemeinheit leisten.

- Dekolonisierung des Schul- und Bildungswesens

Ein weiterer wichtiger Ansatz ist die Reform des Schul- und Bildungswesens mit dem Ziel der Dekolonisierung. Dazu gehört auch die Aufwertung der eigenen Sprachen.

Französisch war in Burkina Faso die Amts- und Bildungssprache. Seit Ibrahim Traoré an die Macht gekommen ist, ist Französisch nur noch eine Arbeitssprache, ebenso wie Englisch. Mòoré, Dioula, Fulfulde und Gourmatché sind nun unsere offiziellen Sprachen.

- Sanierung der Infrastruktur

Auch die Sanierung der maroden Infrastruktur ist in vollem Gange. Das ganze Land ist wie eine Baustelle. Das Land hatte keine richtige Autobahn. All das entstehen gerade.

- Mehr Sauberkeit und Umweltschutz

z.B. Früher war vielerorts alles voller Plastikmüll. Das ist jetzt verboten.

- Schutz der Würde von Menschen! Regulierung der Hilfsorganisationen

Ein weiterer wichtiger Ansatz, von dem wir meiner Meinung nach auch in Deutschland etwas lernen können, ist die jüngste Entscheidung, dass humanitäre Organisationen bedürftige Menschen und Kinder nicht mehr gemeinsam mit Hilfsgütern fotografieren oder filmen dürfen, um diese Bilder anschließend für die Spendenwerbung zu verwenden. Auch darin sehe ich einen wichtigen Schritt: Die Würde von Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, darf nicht zum Mittel der eigenen Spendenwerbung gemacht werden.

2. Hast du bestimmte Ängste mit Blick auf seine Regierung, z. B. in Bezug auf die verschobenen Wahlen?

Nein. Die einzige Sorge, die ich habe, sind die imperialistischen Manöver und Einmischungsversuche, die darauf abzielen könnten, die Revolution in Burkina Faso und in den anderen AES-Staaten zu stoppen oder zurückzudrängen.

Ich habe keine Zweifel daran, dass Ibrahim Traoré mit der Revolution eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Situation sowie eine tatsächliche Entkolonialisierung Burkina Fasos und darüber hinaus des gesamten afrikanischen Kontinents anstrebt. Als ich ihm persönlich begegnet bin, habe ich einen jungen und entschlossenen Menschen erlebt, der seine Überzeugungen und Ziele sehr ernst nimmt – und zwar aus meiner Wahrnehmung heraus zum Wohle seines Volkes, zum Wohle des gesamten afrikanischen Kontinents und auch im Interesse Schwarzer Menschen weltweit, die unsere gemeinsame Situation verstehen und ernst nehmen.

Burkina Faso befindet sich in einem notwendigen revolutionären Prozess, der die Situation und den Alltag der Menschen vor Ort grundlegend verändern muss. Eine solche tiefgreifende Veränderung braucht Zeit und kann nicht allein nach den Maßstäben und Zeitvorstellungen beurteilt werden, die von außen an das Land herangetragen werden. Auch die wohlhabenden Länder, die sich heute als etablierte Demokratien verstehen, hatten einen langen und keineswegs geradlinigen Weg, bevor ihre heutigen politischen Systeme entstanden sind. Burkina Faso und die anderen AES-Staaten müssen daher die Möglichkeit haben, ihren eigenen Weg zu gehen und ihre eigenen politischen und gesellschaftlichen Strukturen zu entwickeln. Meine Sorge richtet sich deshalb nicht gegen den revolutionären Prozess selbst, sondern vielmehr gegen diejenigen Kräfte, die versuchen könnten, diesen Prozess von außen zu verhindern oder zu destabilisieren.

3. Was wäre für dich der ideale Verlauf seiner Amtszeit?

Für mich wäre der ideale Verlauf, dass die revolutionäre Regierung es schafft, die Sicherheitslage im gesamten Land unter Kontrolle zu bringen und gleichzeitig Maßnahmen dauerhaft zu verankern, die verhindern, dass imperialistische und kolonialistische Einflussnahmen den eingeschlagenen Weg wieder zunichtemachen können. Denn was bringt eine Wahl, wenn in einem Teil des Landes aus Sicherheitsgründen keine Wahlurne aufgestellt werden kann und damit ein Teil der Bevölkerung faktisch nicht an der Wahl teilnehmen kann?

Ebenso wichtig wäre für mich, dass die bereits begonnenen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Ansätze erfolgreich weitergeführt und nachhaltig verankert werden. Die Revolution muss sich letztlich ganz konkret im Alltag der Menschen widerspiegeln und ihre Lebensbedingungen verbessern. Ein besonders wichtiges Zeichen für diesen Erfolg wäre für mich, wenn keine Jugendlichen mehr gezwungen wären, sich auf den gefährlichen Weg durch die Wüste und über das Mittelmeer zu begeben, weil sie in Burkina Faso und auf dem afrikanischen Kontinent selbst keine Perspektive, Sicherheit und Zukunft für sich sehen.

4. Hast du noch Anmerkungen oder gibt es sonst etwas, was dir wichtig ist und was in den Medien über Burkina Faso und Ibrahim Traoré unterbelichtet ist?

Die Revolution in Burkina Faso kann man selbstverständlich kritisieren. Aber es ist leicht, eine solche Revolution zu beurteilen oder zu verurteilen, wenn man weit weg und aus der eigenen Komfortzone heraus darauf blickt. Die Menschen vor 

Ort – und insbesondere die Jugendlichen – haben es satt, in einer zunehmend digitalisierten Welt lediglich Zuschauer*innen des Wohlstands und des Wohlergehens anderer zu sein. Sie fordern eine radikale Veränderung ihrer Lebensbedingungen und ihrer Zukunftsperspektiven. Genau deshalb stehen sie geschlossen hinter dem laufenden revolutionären Prozess. Wir haben hier in Deutschland seit nunmehr etwa vier Jahren „Migration und Flucht“ als eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen und sogar als eine der größten Gefahren für Deutschland und Europa insgesamt dargestellt. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auch über die Notwendigkeit gesprochen, Fluchtursachen zu bekämpfen.

Genau hier sehe ich einen Punkt, der in der deutschen und europäischen Berichterstattung über Burkina Faso und Ibrahim Traoré meiner Meinung nach viel zu wenig Beachtung findet:

Die Revolution und die antikolonialistische Politik der Sahelstaaten zielen gerade darauf ab, die strukturellen Ursachen von Flucht und „unerwünschter Migration“ zu bekämpfen. Es geht darum, die reichhaltigen Rohstoffe und natürlichen Ressourcen endlich stärker für die eigene Bevölkerung zu nutzen und insbesondere der Jugend eine Zukunft und konkrete Perspektiven im eigenen Land zu ermöglichen.

Denn jahrzehntelange koloniale Ausbeutung sowie eine kolonial geprägte Wirtschafts- und Handelspolitik haben viele afrikanische Länder ihrer Möglichkeiten beraubt und dazu beigetragen, dass junge Menschen kaum Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben in ihrer Heimat sehen. Wenn Menschen dann ihre Heimat verlassen, wird häufig über die Migration selbst gesprochen – aber viel zu selten darüber, welche politischen und wirtschaftlichen Strukturen dazu beigetragen haben, dass Menschen überhaupt gezwungen sind, nach einer Zukunft anderswo zu suchen.

Deshalb kann ich nicht verstehen, warum solche Anstrengungen der Sahelstaaten, ihre wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Souveränität zu stärken und ihren jungen Menschen eine Zukunft im eigenen Land zu ermöglichen, von Deutschland und Europa nicht stärker unterstützt werden.

Wenn Europa tatsächlich Fluchtursachen bekämpfen will, sollte es solche Bestrebungen nicht nur beobachten oder ihnen mit Skepsis begegnen, sondern sich ernsthaft fragen, wie es zu einer gerechten und partnerschaftlichen Zusammenarbeit beitragen kann. 

Wir bedanken uns bei Hamado Dipama für seine Zeit und seine wertvollen EInblicke und blicken mit Spannung und Solidarität weiterhin auf den revolutionären Prozess in Burkina Faso.

Quellen:

Al Jazeera (2026): Ibrahim Traore: Why Burkina Faso’s popular leader faces a reality test. Al Jazeera News. 4 Aug 2026. Online verfügbar unter: www.aljazeera.com/news/2026/8/4/ibrahim-traore-why-burkina-fasos-popular-leader-faces-a-reality-test

Deutsche Welle (2024): Burkina Faso's junta extends rule for another five years. Politics, Burkina Faso. May 26, 2024. Online verfügbar unter: https://www.dw.com/en/burkina-fasos-junta-extends-military-rule-for-another-five-years/a-69183574

Engels, Bettina (2026): Burkina Faso: Revolution Without Opposition?. Rosa Luxemburg Stiftung. Analysis. 06/16/2026. Online Verfügbar unter: http://rosalux.de/en/news/id/54925/burkina-faso-revolution-without-opposition

Tagesschau (2024): Militärjunta-Chef soll weitere fünf Jahre regieren. Stand: 26.05.2024 • 01:51 Uhr. Online verfügbar unter: https://www.tagesschau.de/ausland/

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